Dr. Werner Nohl · Landschaftsarchitekt · Honorarprofessor (TU München)

Funktionäre der Deutschen Architektenkammer – die Schere im Kopf


Werner Nohl


Als Reaktion auf ein Interview, das das Deutsche Architektenblatt 45 (5), 20-25, 2013 mit Frau Prof. Dr. Beate Jessel, Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutz führte, schrieb ich den nachstehenden Leserbrief mit der Bitte um Abdruck in der gleichen Zeitschrift. 

Der Brief wurde prompt veröffentlicht, leider um entscheidende Passagen gekürzt. Ich gebe den Brief daher nachstehend vollständig wieder, wobei die von der Redaktion des Deutschen Architektenblatts nicht abgedruckten Passagen fett gedruckt sind:

Prof. Dr. Werner Nohl 

Leserbrief

zu Interview mit Frau Prof. Dr. Beate Jessel, Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutz, in: Deutsches Architektenblatt 45 (5), 20-25, 2013

Frau Professor Dr. Jessel ist zu danken, dass sie das Problemfeld Naturschutz-Landschaftsplanung so souverän in einem knappen Interview skizziert hat. Dennoch möchte ich in 2 Punkten widersprechen. 

1. Frau Jessel schreibt, dass in der jüngsten bundesweiten Naturbewusstseins-Studie des Bundesamtes für Naturschutz überraschenderweise ermittelt worden sei, dass über 50 Prozent der Menschen den fortschreitenden Wandel von Landschaft kaum wahrnehmen. Tatsache ist, dass in dieser Studie lediglich Naturveränderungen erfasst wurden. Die grundlegenden Transformationen in der Landschaft , hervorgerufen durch die vielen großtechnischen Strukturen etwa zur regenerativen Energiegewinnung, wurden im Hinblick auf ihre (ästhetische) Erlebniswirksamkeit nicht einmal im Ansatz untersucht. Wenn überhaupt die Sprache auf Windkraftanlagen, Photovoltaik, Bioanlagen usw. in dieser Untersuchung kam (vgl. z.B. Seiten 19/20), wurde lediglich eine allgemeine Werteinschätzung abgefragt. Eine Differenzierung nach ästhetischer, ökologischer, energetischer, ökonomischer Akzeptanz usw. fand nicht statt. Ist es wirklich so überraschend, wenn angesichts der anhaltenden gigantischen technischen Überformung der Landschaft die Menschen den Naturwandel kaum wahrnehmen, sondern sich freuen, wenn sie in all dem technischen Wirrwarr wenigstens noch einer Maisflur begegnen, die trotz Agrobusiness noch grünt, wächst, und sich im Jahreslauf entfaltet? Wer – wie offenbar der heutige Naturschutz – Natur- und  Landschaftsbewusstsein auf Biodiversität reduziert, muss sich nicht wundern, wenn sich im Verständnis der Menschen die neue Kunst herausbildet, heile Welt noch im Schwund zu erleben.

2. meint Frau Jessel, dass wir uns an die vielen technischen Bauwerke in der Landschaft längst gewöhnt hätten. Es sei empirisch belegt, dass nach einer Generation unsere Gewöhnungsbedürftigkeit bezüglich landschaftlicher Veränderungen sozusagen dahin schmelze, ja sich in Bewahrungsaktivitäten verwandle. Das mag bei Solitärbauwerken gelegentlich der Fall sein, und es mag vor allem dann der Fall sein, wenn wirtschaftliche Überlegungen die Akzeptanzäußerungen der Menschen beherrschen, wofür die von Frau Jessel erwähnten Ruhrgebietsbeispiele allzu deutlich sprechen. Wenn es aber um Natur und Landschaft als Erlebnisort geht, dann ist neben ökologischer vor allem ästhetische Akzeptanz gefragt. Wir haben erst kürzlich in einer empirischen Untersuchung feststellen müssen, dass Landschaft ihre ästhetische Qualität komplett verliert, wenn in ihr eine Hochspannungsleitung verläuft und das, obwohl man in Deutschland seit über 100 Jahren Freileitungen auf Schritt und Tritt begegnet.* Wer sich in der Landschaft mit der äußeren Natur wie mit seiner inneren Natur für ein paar Stunden auseinander setzen möchte, ist auf einen substantiellen Fundus ästhetischer Natur angewiesen. Das gilt aus Nachhaltigkeitsgründen vor allem für unsere Alltagslandschaften und nicht nur für fernab gelegene und aufwendig erreichbare Schutzgebiete. Technik dagegen wäre zukünftig in der Landschaft auf das Notwendige zu reduzieren – freilich weniger in nachtarockenden Planungsprozessen als in vorausschauenden demokratischen Aushandlungsprozessen, damit uns und dem Naturschutz Landschaftsdesaster wie die sogenannte Energiewende, die offensichtlich nicht einmal das Zeug einer kleindeutschen Stromwende besitzt, fortan erspart bleiben.

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* Nohl, W. (2011): Von Freileitungen, Bäumen, Tieren und Menschen. Ihre ästhetischen Wirkungen im landschaftlichen Kontext. http://www.landschaftswerkstatt.de/dokumente/ Freileitung-B-2011.pdf

(Ende des Leserbriefs)

 

Symptomatisch dafür, wie der einseitige Zeitgeist beim Thema „regenerative Energien“ selbst die Funktionäre unseres Berufstandes ergriffen hat, ist die Unterschlagung gerade der letzten Sätze in meinem Leserbrief, die vom zuständigen Redakteur vorgenommen und vom Präsidenten der Bundesarchitektenkammer, Herrn Dipl.-Ing. Sigurd Trommer wortreich gerechtfertigt wurde. Diese Sätze verdeutlichen, warum ich überhaupt den Leserbrief geschrieben habe, nämlich aus Sorge um den drohenden Verlust an Landschaftsqualität und damit verbunden an Natur- und Landschaftsgenuss. Niemand muss nun meiner Meinung zustimmen, aber wäre es nicht einfach eine Selbstverständlichkeit, einem Berufskollegen und Mitglied der Architektenkammer Gelegenheit zur Meinungsäußerung zu geben, auch wenn sie der offiziösen Auffassung nicht entspricht?

Der ganze Vorgang ist umso ärgerlicher, als im Editorial des gleichen Heftes dem Vizepräsidenten der Bundesarchitektenkammer, Herrn Joachim Brenncke, an hervorragender Stelle Gelegenheit geboten wurde, die politisch gewollte Energiewende nicht nur mit hübschen Sprüchen aufzugreifen sondern auch in den architektonischen Himmel zu loben. Die Energiewende, schreibt Brenncke, 

„mag manchem von uns als eine Art Tiger erscheinen, aber wir sollten und können den Tiger reiten. Das ist eine wirkliche gute Chance für die fachübergreifende künftige Berufsausübung von Architekten.“

Es geht Herrn Brenncke, und da äußert er sich wohl stellvertretend für die Funktionäre in der Architektenkammer, nicht um die Menschen in diesem Lande, die nicht nur Geist und Technik sondern auch Natur lieben, es geht ihm und seinen Funktionärskollegen offensichtlich vor allem um neue Felder der architektonischen Berufsausübung. Im Mittelpunkt ihres Denkens steht die Errichtung von (technischen) Bauwerken (das haben sie gelernt), aber nicht die Schonung der Landschaft vor Zerstörung (das haben sie nicht gelernt). Hier zeigen sich im übrigen auch die Folgen einer überzogenen Professionalisierung des Architektenberufs: die eigenen Bedürfnisse ersetzen immer stärker die des anvertrauten Klientels.

 


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